Allmachts-Fantasien eines Durchschnittsbürgers

Als mich am 28. Dezember meine Lebensgefährtin in den örtlichen Lidl zum Einkaufen schickte, bemerkte ich in der Reihe an der Kasse hinter mir einen Mann, der seinen ganzen Einkaufswagen randvoll mit dem an diesem Tag zum ersten Mal erhältlichen Böllerwerk gefüllt hatte. Ich hatte meine wenigen Einkäufe schnell sortiert (u.a. Katzenfutter der Hausmarke „Coshida“) und blieb verschämt in Sichtweise der Kasse stehen, um erhaschen zu können, für wie viele Euro der Pyromane mittleren Alters Feuerwerk zu kaufen sich erdacht hatte.

Ich nestelte unauffällig in meinen Manteltaschen während ich verstohlen blinzelnd den Mann die Menge an Raketen und Batterien in den Einkaufswagen stapeln sah, da erschien schon grünlich schimmernd im Display das Ergebnis: 286,56 Euro! Alles für Böller und Raketen!

Wahnsinn! Irre! Was für ein Verrückter!

Beim langsamen Hinausschieben meines Einkaufswagens starrte ich sinnierend auf meine Einkäufe ins Leere. Leberwurst, Hygieneartikel, eine Schale Tomaten und eine Flasche Doppelkorn waren der traurige Inhalt. Kein Chinakracher, kein Kometenschweif, kein Knallfrosch, nicht einmal Tischfeuerwerk.

Warum hatte ich nicht den Mut, wenigstens an Silvester aufzurüsten und meine ungeliebten Nachbarn zur Linken das Fürchten zu lehren? Schon seit Kindertagen träumte ich von DEM EINEN ultimativen Super-Böller, der Mutter aller China-Kracher und Donnerschläge, einem Knallkörper, der mich zum respektieren Schrecken der Nachbarschaft werden lässt, zum Kim Jong Un meines sozialen Umfeldes. Wieviel Schwarzpulver dies wohl ergeben mag für Euro 286,56? Eine ganze Menge, entschied sich mein gedankenversunkenes Hirn als ich langsam auf mein geparktes Automobil zu schlenderte.

Ja ja, ich weiß, Brot statt Böller! Spenden statt Sputniks. Erbarmen statt Eruptionen……

Doch was, wenn ich mich entschied, hier und jetzt, am 28.12.2017, dem Dispo meines Kontos den Rest zu geben, erneut in den Lidl zu eilen, alle Bestände an Pyrotechnik und Knallwerk aufzukaufen und dieses Jahr, endlich das ultimative Silvester-Geschoss zu bauen, jenes apokalyptische Monstrum, von dem ich gefühlt mein Leben lang geträumt habe – so wie jeder Junge meiner Generation, aufgewachsen im kalten Krieg. Endlich diese grandiose Erstschlags-Waffe in Händen zu halten, die einem das wohlige Gefühl gibt, auf Augenhöhe zu sein mit den Atommächten dieser Welt? Ja, gottgleich wie Kaiser Nero, ein Inferno zu beginnen, welches das Antlitz der Welt verändert?

Lust- und achtlos warf ich die Einkäufe in den Kofferraum während in meinem Kopf ein Bildermeer wogte, aus mannshohen Silvesterböllern, dick wie Eichenstämme, zentnerschwer. Und oben thronend die Zündschnur, die lockend zu flüstern scheint: Zünd mich an! Zünd mich an!

Auf dem Heimweg zuckte ich zusammen als ich den Geldautomaten der Sparkasse passierte, permanent die herrlichen Bilder aus Krawall und Kratern im Kopf, den Phantomgeruch von Schwarzpulver schnuppernd.

Doch in meinem Alter? Darf man diesen Kindereien nachhängen? Ist es nicht furchtbar albern und was würde meine Lebensgefährtin davon halten, wenn ich erst mein Girokonto massakriere und dann den Garten unserer Nachbarn zur Linken?

Ich brauchte ein Alibi! Das war es! Mein Sohn! Mit 15 genau im richtigen Alter, noch nicht voll strafmündig, aber stets zu Unsinn bereit, wie ich zu hoffen wagte. Und was kann es Schöneres für einen Sohn geben, als die Kindheitsträume seines Vaters wahr werden zu lassen?

Ihn musste ich anstiften! Also eilte ich in sein Zimmer, stieg ein mit singender Stimme, ob er denn nicht auch mal wieder Lust hätte, zu Silvester zu böllern. Natürlich riet ich ihm väterlich, dann man schon etwas aufbieten müsse, es mit ein paar harmlosen Kanonenschlägen nicht getan sei. Daher müsse heutzutage eine Eigenkreation her, angereichert mit viel guten Schwarzpulver, mindestens ein Kilo pro Sprengkörper.

Doch ich stellte schnell enttäuscht fest, dass mein Sohn kaum von seinem Handy zu mir aufblickte. Obschon er gute Ansätze zu jeder Art Unfug schon rein genetisch in sich trägt, animierte ihn meine bilderbeschmückte Fantasie nicht im Mindesten. Selbst als ihm versprach, dass wir ja als Einstimmung erst einmal ein paar Briefkästen ortsbekannter AfD-Politiker in die Luft jagen könnten, steigerte sich sein Interesse in keiner Weise. Und als ich ihm gesten- und wortreich zu erklären suchte, dass man dabei auch Alkohol trinken kann, was den Spaß noch steigert, verzog er endgültig ablehnend die Miene, gestikulierte mich zur Zimmertüre mit einem flüchtigen Tippen seines Zeigefingers an der Stirn.

Desillusioniert und schweren Herzens verließ ich das Zimmer meines Sohnes, begab mich nach unten ins Wohnzimmer und ließ meinen Blick auf die trostlose Gartenbotanik im Monat Dezember fallen, die leblos geduckt unter einem grauen Himmel den Spiegel meines momentanen Gefühlslebens wiedergab. Ich fühlte mich alt. Alt und erwachsen. Zu erwachsen. Und viel zu alt.

Ich beschloss in die Küche zu gehen, um zu kochen, das lenkt ab, sagte ich mir. Dabei hörte ich eine Stimme in meinem Kopf sprechen: Nächstes Jahr! Nächstes Jahr ganz bestimmt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.