Wort ist Mord oder Warum ist die Feder schärfer als das Schwert

Wenn Sie wieder einmal zornig sind, Ihre Halsschlagader dick ist wie ein Gartenschlauch, besinnen Sie sich auf den folgenden Text. Wort- statt Waffengewalt ist nicht nur effizienter, sie ist auch ein Ausdruck der zivilisatorischen Entwicklungsstufe. Die Wort-Wirkung ist schlicht mächtiger als das Schwert. Und selbst wenn es nur der puren Agitation dient: Die Wirkung kann bei geringem Aufwand bedeutend vernichtender sein. Und so ganz nebenher:  Das mühsame Entsorgen konventionell Gemeuchelter entfällt auf jeden Fall. 

 

Reden ist Gold – alles andere Blech

Schon die rhetorischen Überflieger der Antike – Cicero, Crassus, Lepidus – wussten um die Macht von Wort und Sprache. Sie waren ebenso geübt im pointierten Einsatz ihrer Wortmacht (was ihre Gegner allerdings nicht davon abhielt, ihnen dennoch – wortwörtlich – den Redefluss mit einer Messerklinge abzuschneiden).

Professionelle Rhetorik-Akrobaten verstanden es schon damals, ihre Feinde in Senat und Plenum wortreich zu zermürben. Das auch heute noch z.B. im US-amerikanischen Senat zelebrierte Filibustern überrollt den politischen Gegner wie ein Lawine aus Worten, Worten, Worten. Cato (*78 v. Chr.) war ebenfalls ein solcher Apologet des Wortmarathons. Historische Quellen belegen seine Fähigkeit, zehn Stunden und länger am Stück reden zu können. Julius Cäsar beschwerte sich oft über diese antike Quasselstrippe und prangerte es nicht minder wortreich in seinen De bello civili an. Was ihm jedoch nicht viel half, denn die Redezeit römischer Senatoren war theoretisch unbegrenzt. Ähnlich freizügig verhält es sich übrigens auch im US-amerikanischen Kongress.

2000 Jahre später hat sich die Menschheit zwar noch nicht in allen Teilen der Welt weiterentwickelt und die Macht des Wortes zur Durchsetzung politischer Ziele erkannt. Noch immer ist es weitverbreitete Überzeugung, dass nur der Einsatz von Stich-, Schneide- und Schusswerkzeugen der Verfolgung der eigenen Interessen dienlich ist. In der westlichen Hemisphäre jedoch, hat sich im Zuge von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die Überzeugung durchgesetzt, dass Wortgewalt die effizientere Methode ist, seine Ziele zu erreichen oder den Gegner Schachmatt zu setzen, zumindest aber Zeit für die eigene Sache zu gewinnen.

 

Ein Mann, ein Wort – und ungeahnte Folgen

Ob geschrieben oder gesprochen – Beispiele für die Macht des Wortes gibt es unzählige und selbst überzeugten Militaristen, Waffenfanatikern und anderen Freunden der rohen Gewalt muss auffallen, dass die Sprache als Waffe und das Wort als Munition, viel effizienter, viel nachhaltiger und in gewisser Weise auch humaner, die Welt verändern kann. Reden oder Schriften haben über Krieg und Frieden, in der jüngeren Geschichte der Demokratie Wahlen entschieden und immer und überall Menschen navigiert, insistiert und manipuliert. Wie Luther’s 95 Thesen (in deren Folge der dreißigjährige Krieg allerdings ein furchtbares Massaker an der europäischen Bevölkerung anrichtete), die eine komplette Reformation der katholischen Kirchen nach sich zogen. Oder die wenigen Worte vom ehemaligen Außenminister H.D. Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag am 30.09.1989. Tausende setzen sich daraufhin Richtung Westen in Bewegung.

All das zeigt jedoch auch, dass man sich der Verantwortung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes stets bewusst sein sollte.

 

Worte können töten – ein Leben lang

Wie immer, hat auch diese Medaille zwei Seiten. So vorbildhaft uns die zivilisatorische Entwicklung erscheinen mag, dass wir statt mit dem Schwert nun mit Worten unsere Gegner niederringen, das geschriebene oder gesprochene Wort kann ähnlich vernichtend sein. Und in seinem Einsatz und seiner Wirkung grausamer, als der brutale aber durchaus zügige Tod mit des Henker’s Klinge. Die soziale Liquidierung einer Person durch Schrift und Rede hat insbesondere in den Zeiten sozialer Netzwerke bedrohliche Züge angenommen. Diese Folgen, als Paradoxon des Wortes „sozial“, machen sich in weiten Teilen der Gesellschaft bemerkbar.

Wer erinnert sich nicht an Sebastian Edathy? Der SPD-Politiker, der noch vor jeder rechtsstaatlichen Behandlung in den Orkus ewiger Verdammnis geschickt wurde. Durch den politischen Gegner, die Medien und die ungezählten Gralshüter von Moral und Anstand.

Aber auch ganz unverdächtige Bürger, die den Versuchungen erlegen sind, ihr Leben über Facebook, Twitter oder Instragram vor der Welt auszubreiten, werden Opfer von verbalen Attacken, Beleidigungen, Mobbing, neudeutsch unter Hate-Speech subsummiert. Etwas euphemistischer als Diffamierung verallgemeinert.

Ohnehin haben das Internet im Allgemeinen und die sozialen Netzwerke im Besonderen dazu beigetragen, Meinungsvielfalt zu generieren und die Information zu demokratisieren. Allerdings um den Preis, dass sittliche Normen immer weniger Berücksichtigung finden und jeder alles, gegen alles und gegen jeden zum Besten geben kann.

Die Politik, ohnehin auf die Diskreditierung des politischen Gegners bedacht, ist dabei mehr Brandstifter als Feuerlöscher, mehr Schurke als Vorbild. Allerdings steht dabei nicht die direkte Beleidigung im Fokus sondern die Inszenierung des Gegners als Zivilversager. Keine Frage, auch lange vor dem Internet, wie eingangs beschrieben, haben sich Politiker in der Auseinandersetzung nichts geschenkt. Aber die heutigen Möglichkeiten der direkten Distribution von Botschaften an eine breite Leser- oder Zuhörerschaft potenziert die Möglichkeiten – im Guten wie im Schlechten.

 

Die dunkle Seite der (Wort)Macht – einmal entfesselt, verheerend wie ein Bombeneinschlag

Dieser Fallout aus Worten und Sätzen, aus Sprache und Schrift, kontaminiert unsere Gesellschaft und unser Miteinander auf Dauer nachhaltig und das über Grenzen hinweg. Wann zuvor, hatte Otto-Normalverbraucher schon die Möglichkeit, dem amerikanischen Präsidenten via Twitter die Meinung zu geigen? Knallhart und rücksichtslos. Aber umgekehrt natürlich genauso. Der derzeitige US-Präsident kann mit 140 Zeichen verheerende Botschaften aussenden und ganze Bevölkerungsgruppen, Ethnien, Religionsgemeinschaften und Nationen der Lächerlichkeit preisgeben. Und bekanntermaßen macht er davon auch gerne Gebrauch. 

Auch im Land der Dichter und Denker profilieren sich mehr und mehr als Hetzer und Hasser. Das Netz der Netze entpuppt sich als dabei idealer Lautsprecher für jene, die sich ungehört fühlen. So wurde u.a. die Grünen-Politikerin Claudia Roth als „linksfaschistische Sau“ tituliert. Wer kann, der wehrt sich natürlich. Die meisten aber nehmen es hin oder zahlen es mit gleicher Wortwahl heim. 

Noch effizienter, weil nachhaltig schädigender, ist jedoch eine neue Form von Agitation und Demagogie, die in der heutigen Zeit Anwendung findet. So konnte man z.B. im Zusammenhang mit den Krawallen beim G20-Gipfel 2017 einen Tweet der Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, vernehmen. Sie nutzte für einen hastig zusammengeschusterten Beitrag auf Twitter, einen Satz der SPD-Ministerpräsidentin von MV, Manuela Schwesig, aus dem Jahre 2014. Damals sagte Schwesig im Rahmen eines Interviews mit der Welt, „Linksextremismus ist ein aufgebauschtes Problem“.

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Kann treffen wie ein Bombe – das richtige Wort zur falschen Zeit, und umgekehrt

Allerdings hat sie, Schwesig, den Satz so gar nicht gesagt, vielmehr betitelte Die Welt selbst das Interview mit dieser Zeile.

Der von Weidel herbeigesehnte Shitstorm über Schwesig ließ nicht auf sich warten. Dass es sich um ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat handelt, dass gar nicht mit den aktuellen Ereignissen in Hamburg in Verbindung stand, ist dem sich in höchster Ekstase entgegenfiebernden Mob gleichgültig. Selbst die begrenzenden 140 Zeichen bei Twitter ließen Raum genug für eine brachiale Fäkalrhetorik, bei der man so manchem Autor eine cerebrale Fehlentwicklung aus frühester Kindheit attestieren möchte.

 

Denn sie wissen nicht, was sie schreiben – aber sie könnten es lernen

Es gehört sicherlich zur mangelnden Reife der menschlichen Spezies, Dinge zu tun oder zu lassen, die der eigenen Art schaden. Und es wird noch dauern, bis der Gesetzgeber den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des Internets rechtliche Rahmenbedingungen entgegensetzt, die den Missbrauch von Text und Sprache eindämmen. Bis dahin sollte sich ein jeder, der sich zum Schreiben berufen fühlt, darüber nachdenken, welche Wirkung seine Texte haben können. Das gilt nicht nur für das Internet aber dort im Besonderen. Denn es gab noch nie ein Medium vorher in der Menschheitsgeschichte, dass es uns so leicht gemacht, unsere dunkelsten Seiten ins Licht einer breiten Öffentlichkeit zu rücken.

Verantwortung für sich selbst zu einen und Bildung zum anderen, helfen dabei, einer der großartigsten Fähigkeiten, die uns aus 500.000 Jahre Menschwerdung beschert wurde, zum Wohle und nicht zum Schaden einzusetzen. 

Jedermann sollte bewusst sein, dass aus einem verbalen Scharmützel sehr schnell ein unkontrollierbares Gemetzel werden kann. Und was als Schlacht der Worte im Internet begann, endet womöglich mit einem blutigen Finale in der realen Welt.

Wer Worte und Sprache liebt, sollte eigentlich auch ein Menschenfreund sein – und sich entsprechend verhalten.

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